Hauptstadt des Weihnachtsbaumes

Die Letten waren schon immer Geschichtenerzähler und Bewahrer von Traditionen. An den Herbst- und Winterabenden sind in Hunderten von Jahren diese besonderen Geschichten entstanden, in denen sich Mythen mit Erinnerungen vermischen und aus Erzählungen neue Traditionen erwachsen. Eine dieser Geschichten berichtet über die Tradition des Christbaumschmückens, die vor 500 Jahren in Riga ihren Anfang nahm.

Im Jahr 1510 war die Bruderschaft der Schwarzhäupter, in der sich an Jahren junge Händler und Schiffskapitäne zusammentaten, in Riga wohl bekannt. Die Schwarzhäupter entfalteten eine sehr intensive gesellschaftliche und gesellige Lebensweise, unterstützten die Organisation verschiedener Veranstaltungen und spendeten für Kirche und Stadt.

Die Wintersonnenwende des Jahres 1510 stand vor der Tür, und die Männer der Bruderschaft der Schwarzhäupter hatten beschlossen, in den Wald zu gehen, um die allergrößte Tanne zu holen, die sie nur finden konnten. Sie wollten die Tanne am Ufer der Daugava als einen Weihnachtsgruß an die Rigenser verbrennen, und somit auf ganz eigene Art das für die Wintersonnenwende traditionelle Balkenverbrennen zu bereichern.

Die Bruderschaft ließ von einem Holzfäller für das Fest eine riesige Tanne schlagen. Als sie nach Riga kamen, sah diese so mächtig aus, dass die Schwarzhäupter beschlossen, sie doch nicht zu verbrennen, um die umliegenden Gebäude und Menschen nicht zu gefährden. Die Männer der Bruderschaft kamen zusammen, um zu beschließen, was mit der riesigen Tanne zu tun sei. Sie begannen zu streiten, und die Versammlung zog sich an diesem Abend endlos dahin.

Während die Schwarzhäupter noch beratschlagten, fanden die Kinder aus der Umgebung den riesigen Tannenbaum am Daugava-Ufer. Sie wunderten sich, wie der Baum hierhergekommen war, und waren sich einig, dass es eine besondere Tanne wäre. Die Kinder waren in solch einem Hochgefühl, dass sie begannen, die Tannenzweige mit allem zu schmücken, was sie in die Finger bekommen konnten: Dort gab es Nüsse und Äpfel, und die Kinder zogen farbige Wollfäden aus ihren gestrickten Handschuhe, um sie an die Zweige zu binden. Dort gab es Kränze und Bänder aus gepressten Blüten und getrockneten Beeren. Die Kinder waren so beschäftigt, dass sie es gar nicht bemerkten – die für die Dekoration des Baumes notwendigen Materialien vervielfältigten sich auf wundersame Weise von selbst! Mit Anbruch der Dunkelheit verabschiedeten sich die Kinder von der Tanne und liefen nach Hause, um sich aufzuwärmen und von dem wundervollen Abenteuer im Kreise ihrer Familien zu erzählen.

Es war schon fast völlig dunkel, als die Schwarzhäupter ihre Sitzung ohne jeden Beschluss unterbrachen. Einer der Händler ging nach den ermüdenden Streitereien zum Ufer der Daugava und sah schon von weitem die wundersame Verwandlung, die mit der Tanne vor sich gegangen war. Die Dekoration der Kinder offenbarte ihren Charme und der Tannenbaum schimmerte im Mondlicht. Dem Händler kam eine Idee, was mit der Tanne zu tun sei, und am selben Abend versammelte er noch einmal die Männer der Bruderschaft, um ihnen die wundervolle Verwandlung zu zeigen: „Kommt mit und seht es euch an – die Tanne hat sich auf wundersame Weise verwandelt!“ Die Schwarzhäupter bestaunten den farbenprächtigen Anblick und ein Händler rief: „Wir stellen ihn auf und schmücken ihn für das Weihnachtsfest – diesen Weihnachtsbaum! Und wir stellen ihn mitten im Stadtzentrum allen zur Freude auf.“

Mit Hilfe der Leute wurde die Tanne zum zentralen Marktplatz der Stadt (dem heutigen Rathausplatz) geschafft, wo sie kerzengerade aufgerichtet wurde, genauso, wie im Wald Der Schmuck der Kinder wurde ergänzt mit farbigen Bändern, Spielzeug, Ornamenten, und die Tanne blinkte in allen Farben. Das war schon für sich ein Fest.  

Als die Männer der Bruderschaft der Schwarzhäupter begannen, den Schmuck an den Baum zu hängen, kamen die Leute aus ihren Häusern und waren überrascht ob des ungewöhnlichen Anblicks. Sie hörten die Geschichte über die wundersame Verwandlung des Tannenbaums, und diese Geschichte verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt. Viele beteiligten sich an der Dekoration des Baumes, und, als die Arbeit vollendet war, bewunderten die Augenzeugen den wundervollen Anblick. „Dies ist ein Weihnachtsbaum– ein Geschenk, mit dem wir uns gegenseitig an den anderen Weihnachtsfesten erfreuen sollten”, erklärte ein Mann der Bruderschaft.

Und so ist es auch geblieben, bis heute. Natürlich auch in Riga, wo am Schwarzhäupterhaus an der Stelle, wo vor 500 Jahren die Tanne stand, eine Gedenktafel aufgestellt wurde. So endet die Geschichte über den Geburtstag der Tradition des Schmückens des Christbaumes, einer Tradition, die sich über den ganzen Erdball verbreitet hat. Das Wunder dieser Geschichte wiederholt sich in jedem Haus und in jeder Familie, wo Weihnachten gefeiert und die Tanne geschmückt wird, und das bis heute.

Fröhliche Weihnachten in Riga!

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